Wer in Kyoto um 11 Uhr am Fushimi Inari ankommt, sieht die falsche Stadt

Kyoto hat keine Öffnungszeiten. Das ist das erste, was man über Fushimi Inari-taisha wissen muss. Das Schreingelände am Fuß des Inari-yama ist rund um die Uhr zugänglich, ohne Eintritt, ohne Schranke. Weil das kaum jemand weiß, kommen fast alle Besucher zwischen 10 und 14 Uhr.

Wer um 6:00 Uhr dort steht, geht zwischen orangeroten Torii-Toren bergauf und hört Krähen. Wer um 11:00 Uhr ankommt, steht hinter Selfie-Sticks und wartet auf Durchlass. Dieselben Tore, dieselbe Treppe. Ein vollständig anderer Ort.

Kyoto liegt in einem Kessel, und das spürt man ab 10 Uhr

Kyoto sitzt in einem Becken, das von den Higashiyama-Bergen im Osten, den Kitayama-Hügeln im Norden und den Nishiyama-Hängen im Westen eingefasst wird. Die Inlandslage auf rund 50 bis 60 Metern Höhe bedeutet: Hitze und Feuchtigkeit stauen sich.

Im Mai liegen die Temperaturen bei 20 bis 24 Grad, morgens noch um 16 Grad, und die Luft riecht nach feuchtem Laub und Asphalt, der sich langsam aufheizt. Mitte Juni beginnt die Regenzeit. Wer Ende Mai reist, trifft das letzte gute Fenster nach dem Golden-Week-Ansturm Anfang Mai.

Wer um 9:30 Uhr den Bus ab Kyoto Station nach Kinkaku-ji nimmt, steht mit der ersten Busladung Gruppenreisender. Wer denselben Weg um 7:30 Uhr antritt, hat den Tempel fast für sich. Wärmere Luft, mehr Besucher: Das gilt hier wie ein Naturgesetz.

Der Morgen ist keine Empfehlung, er ist die Bedingung

Der Kiyomizu-dera-Tempel steht auf einem Holzgerüst am Hang der Higashiyama-Hügel, 13 Meter über dem Boden, mit Blick über das Stadtbecken. Der Eintrittspreis beträgt rund 3,20 Euro. Der Tempel öffnet um 6:00 Uhr.

Wer zu dieser Zeit auf der hölzernen Bühnenkonstruktion steht, riecht feuchtes altes Holz und sieht Morgenlicht auf Ziegeldächern. Wer um 10:30 Uhr kommt, riecht Sonnencreme und hört Lautsprecherdurchsagen in vier Sprachen. Guides, die die Route seit Jahren kennen, sagen übereinstimmend: Wer Kyotos große Tempel einmal vor 8:00 Uhr gesehen hat, versteht nicht mehr, warum er jemals zu einer anderen Zeit gegangen ist.

Der Arashiyama-Bambushain liegt rund 11 Kilometer westlich der Kyoto Station, die Bahnfahrt auf der Sagano-Linie dauert etwa 25 Minuten und kostet rund 1,55 Euro. Der Hauptpfad durch den Hain ist knapp 400 Meter lang. Weil er kurz ist, staut er sich ab 9:30 Uhr. Wer um 7:00 Uhr kommt, hört Wind durch die Bambusstämme, ein hohles, trockenes Rauschen. Um 11:00 Uhr hört man Fahrradklingeln.

Mittags kein Tempel, das ist keine Niederlage

Zwischen 11:30 und 14:30 Uhr sind alle großen Sehenswürdigkeiten Kyotos am stärksten besucht. Entschleunigtes Ankommen hat seinen eigenen Rhythmus, und in Kyoto bedeutet das: Mittags gehört die Stadt dem Markt.

Der Nishiki-Ichiba ist eine 390 Meter lange überdachte Marktgasse im Zentrum, fünf Gassen nördlich der Shijo-Straße. Über 100 Händler verkaufen yuba (Tofuhaut, handwarm aus dem Sud), saba-zushi (gepresster Makrelen-Sushi, fest, leicht säuerlich vom Reisessig) und saisonales tsukemono-Gemüse. Ein Mittagessen an den Ständen kostet 5 bis 10 Euro.

Die Pontocho-Gasse verläuft parallel zum Kamo-Fluss, rund 500 Meter lang, die meisten Restaurants öffnen zwischen 17:00 und 18:00 Uhr. Tagsüber: geschlossene Holzschiebetüren und Stromkabel. Abends ab 19:00 Uhr zahlt man für ein Dinner zwischen 22 und 45 Euro, die Steinplatten sind feucht vom Abendnebel über dem Fluss. Wer historische Orte in Schichten begreift, sieht mehr, das gilt für Pontocho genauso.

Kyoto Station ist kein notwendiges Übel

Die Shinkansen-Drehscheibe verbindet Kyoto mit Tokio in 2 Stunden 10 Minuten (rund 89 Euro, Nozomi-Schnellzug, 441 Kilometer) und mit Osaka in 15 Minuten (45 Kilometer). Wer über den Kansai International Airport einreist, nimmt den JR Haruka Limited Express: 75 Minuten, rund 23 Euro.

Ein Ryokan nahe der Station kostet zwischen 160 und 290 Euro pro Nacht und serviert um 7:00 Uhr Frühstück, Miso und weißen Reis, damit man früh fort kann. Bahnhöfe als Reisezentralen funktionieren am besten, wenn man sie als Basis begreift, nicht als Durchgangspunkt.

Fragen zu Kyoto

Wann ist die beste Reisezeit für Kyoto?

Ende Mai ist das letzte gute Fenster vor der Regenzeit, die historisch Mitte Juni beginnt. Temperaturen liegen bei 20 bis 24 Grad tagsüber, morgens noch um 16 Grad. Golden Week Anfang Mai bringt sehr hohe Besucherzahlen, die danach abklingen. September bis November ist die zweite gute Jahreshälfte, Herbstlaub und kühlere Luft.

Wie plane ich Kyoto für drei Tage sinnvoll?

Wer drei volle Tage hat und jeden Morgen um 6:30 Uhr beginnt, kommt nicht durch alle 17 UNESCO-Monumente Kyotos. Das ist kein Problem. Zwei bis drei Tempel pro Tag, früh begonnen, bleiben hängen. Historische Orte werden erst bei richtiger Tageszeit lesbar, das gilt auch hier.

Was kostet ein Kurztrip nach Kyoto realistisch?

Unterkunft im Ryokan nahe Station: 160 bis 290 Euro pro Nacht. Tagesbudget für Essen, Eintritte, Busfahrten: rund 30 bis 50 Euro. Einzelne Tempeleintritte kosten 2 bis 5 Euro, Fushimi Inari-taisha ist kostenlos. Pontocho-Dinner ab 22 Euro.

Um 6:15 Uhr ist die Holzveranda des Kiyomizu-dera kalt unter den Händen. Das Zedernholz riecht nach Feuchtigkeit und Harz. Unten liegt das Stadtbecken im Dunst. In einer Stunde wird es laut.