Die Fähre von Red Hook auf St. Thomas nach Cruz Bay auf Saint John braucht rund 20 Minuten. In dieser Zeit passiert etwas, das auf dem Wasser nicht sichtbar ist: Die Insel sortiert ihre Besucher. Wer keinen Jeep bucht, kommt kaum an die entlegenen Buchten. Wer die Mittagshitze unterschätzt, verlässt die Strände zu früh.
Die Antwort auf die Frage, warum hier so wenig gebaut ist, ist denkbar einfach: Rund 60 Prozent der Inselfläche stehen unter Nationalpark-Schutz. Weil dort nicht gebaut werden darf, liegt der Sand vor den Hügeln, nicht vor Hotelwänden. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Schutzentscheidung aus dem Jahr 1956.
Was Saint John von St. Thomas trennt
St. Thomas hat einen Flughafen, Kreuzfahrtschiffe und ein Hafenviertel, das für Tagesausflügler gebaut wurde. Saint John hat keines davon. Wer auf die Insel will, fliegt nach Cyril E. King Airport (STT) auf St. Thomas, nimmt ein Taxi zur Fähranlegestelle in Red Hook und überquert dann den Kanal. Das Ticket für die Passagierfähre kostet rund 13 US-Dollar pro Strecke.
Diese drei Schritte statt einem halten den Strom der Gelegenheitsbesucher klein. Wer auf diesem Weg ankommt, kennt das Prinzip: Die Fähre ist kein Hindernis, sie ist der Filter. Der höchste Punkt der Insel, Bordeaux Mountain, liegt auf etwa 389 Metern. Von dort sieht man beide Inseln zugleich: die Stille diesseits, die Aktivität jenseits des Kanals.
Ende Mai: Das ehrliche Zeitfenster
Ende Mai ist kein neutraler Zeitpunkt in der Karibik. Die atlantische Hurrikansaison beginnt offiziell am 1. Juni, aber das sagt wenig über das tatsächliche Risiko aus. Historisch gesehen sind August, September und Oktober die gefährlichsten Monate. Ende Mai gehört statistisch zu den ruhigeren Wochen des Jahres, obwohl der Kalender das Gegenteil suggeriert.
Preise sinken spürbar: Villen und kleine Resorts nahe Cruz Bay kosten in der Hochsaison zwischen Dezember und April oft 200 bis 400 US-Dollar pro Nacht. Ende Mai fallen sie häufig auf 130 bis 220 US-Dollar. Ein örtlicher Bootsführer, der die Route seit Jahren kennt, fasst es so zusammen: Wer Ende Mai kommt, hat die Riffe fast für sich.
Die Strände des Virgin Islands National Park
Trunk Bay liegt an der Nordküste, etwa 4 km von Cruz Bay entfernt über die North Shore Road. Der markierte Unterwasserpfad macht ihn zum meistbesuchten Strand der Insel. Der Eintritt kostet rund 5 US-Dollar pro Person. Die Wassertemperatur liegt Ende Mai bei etwa 28 Grad Celsius, die Hügel hinter dem Strand halten den Wind ab, also bleibt das Wasser bis in den Vormittag hinein ruhig.
Maho Bay, weiter östlich, ist bekannt für Meeresschildkröten, die im flachen Seegrasbereich fressen. Das warme, stille Wasser macht es möglich, ihnen auf wenige Meter zu folgen, ohne zu tauchen. Wo Schutzregeln gelten, hält sich das Leben: Hier ist das kein Slogan, sondern Alltag.
Salt Pond Bay im Süden liegt am Ende einer Schotterstraße: ruhiger, weniger frequentiert, mit einem kurzen Wanderweg zum Ram Head-Aussichtspunkt. Wer auf unebenen Pfaden sicher unterwegs ist, findet dort eine Bucht, die sich anfühlt wie ein anderes Jahrzehnt.
Cruz Bay und Coral Bay: Wo man schläft
Cruz Bay ist der Anleger der Fähre und die Versorgungsbasis der Insel. Restaurants, kleine Läden, Unterkünfte: alles konzentriert sich hier. Der Nationalpark beginnt praktisch vor der Tür, aber die meisten Besucher merken das erst, wenn sie das erste Mal über die North Shore Road fahren.
Coral Bay liegt rund 16 km östlich über kurvenreiche Bergstraßen. Kleiner, stiller, mit weniger Infrastruktur. Eine Conch-Suppe in einem der Beachbars dort kostet zwischen 14 und 18 US-Dollar. Der Unterschied zwischen beiden Orten ist nicht die Strecke, sondern die Bereitschaft, auf Bequemlichkeit zu verzichten.
Auf Saint John wird links gefahren, ein Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit auf den Nachbarinseln, das die USA bei der Übernahme 1917 beibehielten. Mietwagen, idealerweise ein Jeep oder SUV, sind für die steilen und engen Straßen keine Empfehlung, sondern Bedingung.
Ihre Fragen zu Saint John beantwortet
Brauche ich ein Visum als Deutscher?
Saint John gehört zu den U.S. Virgin Islands, einem nicht inkorporierten Territorium der Vereinigten Staaten. Deutsche Staatsbürger benötigen ein gültiges ESTA oder ein US-Visum, wie für jede Einreise in US-Territorien. Ein Personalausweis reicht nicht aus.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die klassische Hochsaison läuft von Dezember bis April: trocken, angenehm, teuer. Der Zugangswiderstand bleibt das ganze Jahr gleich, die Preise nicht. Ende Mai bietet das beste Verhältnis aus Wasserqualität, Belegung und Kosten. August bis Oktober ist statistisch das riskanteste Fenster.
Was kostet eine Reise grob?
Geführte Schnorchel- oder Bootstouren kosten je nach Dauer zwischen 60 und 120 US-Dollar pro Person. Mahlzeiten in einfachen Restaurants beginnen bei etwa 15 US-Dollar. Unterkunft, Mietwagen und Fähre summieren sich für zwei Personen über eine Woche schnell auf 2.500 bis 4.000 US-Dollar, je nach Unterkunftswahl.
Um 6:45 Uhr morgens liegt Maho Bay noch im Schatten der östlichen Hügel. Das Wasser riecht nach Salz und feuchtem Laub vom Hang. Wo die Schildkröte durch das Seegras zieht, wird es hellblau bis auf den Grund. Das Geräusch der Fähre aus Cruz Bay ist von hier nicht zu hören.
