160 Millionen Jahre alter Korallenriff-Rest steht 60 Meter ueber diesem Kanal, 180 km von Paris

Der Kalkstein unter den Fingern ist warm, rauer als erwartet und leicht porös. Das ist kein Zufall. Die Rochers du Saussois in Merry-sur-Yonne, Département Yonne, sind der Rest eines Korallenriffs aus dem Jura, das vor rund 160 Millionen Jahren unter einem flachen Binnenmeer lag. Weil das Gestein so dicht geblieben ist, halten die Griffe seit Jahrzehnten. Wer nicht klettert, steht trotzdem oben.

Ein Korallenriff mitten in Burgund

Das Jurameer bedeckte damals weite Teile des heutigen Frankreich. Korallen setzten sich ab, Kalk sedimentierte sich über Jahrmillionen, das Meer zog sich zurück. Tektonische Bewegungen hoben das Plateau an, der Fluss schnitt tiefer ins Gelände. Das Ergebnis ist eine Wand aus kompaktem Jurakalk, die heute 60 Meter senkrecht über dem Canal du Nivernais steht.

Weil Jurakalk dichter und wetterfester ist als viele andere Kalkformationen, verwittert er langsamer. Die Felswand blieb intakt, die Struktur ist griffig, der Stein hält. Das erklärt, warum France Vélo Tourisme die Saussois als ehemaligen Korallenriegel aus dem Jura beschreibt und als eines der dichtesten Klettergebiete Frankreichs bezeichnet.

Ein Guide, der die Route seit Jahrzehnten kennt, formuliert es knapp: Der Fels verzeiht wenig, aber er lügt auch nicht. Was trägt, trägt wirklich. Wer Jurakalk-Felsen kennt und schätzt, findet auf der Schwäbischen Alb einen direkten Vergleich, aber die Vertikale über einem Kanal ist eine andere Kategorie.

400 Routen, ein Kanal, kein Ticket

France Vélo Tourisme bestätigt rund 400 Kletterrouten, gestuft von Grad 4 bis 8. Das ist kein Einsteigerfels und kein Elitefels. Wer technisch sauber klettert und Grad 5 beherrscht, findet hier Material für mehrere Wochenenden. Grad 7 und höher verlangen spezifische Sportklettertechnik, die man vorher geübt haben sollte.

Petit Futé nennt die Saussois seit Jahren „la falaise des Parisiens“, die Felsen der Pariser. Der Name hat einen präzisen Grund: Von Paris sind es rund 180 km über die A6 Richtung Auxerre, dann südwärts auf der D100. TheCrag gibt die Laufzeit vom Parkplatz zum Felsfuß mit 2 bis 5 Minuten an. Für Wochenendkletterer aus der Hauptstadt ist das eine kurze Anfahrt an einen langen Fels.

Wer lieber mit der Bahn reist, nimmt ab Paris Gare de Lyon den TER nach Auxerre, Fahrzeit rund 1 Stunde 40 Minuten, und mietet dort ein Fahrrad oder Auto für die letzten Kilometer nach Merry-sur-Yonne. Der Zugang zum Klettergebiet selbst ist frei, es gibt keinen Eintrittspreis und keine Buchungspflicht.

Was man ohne Kletterschuhe erlebt

Ein ausgeschilderter Wanderweg führt vom Dorf auf das Plateau, ohne Sicherung und ohne Kletterausrüstung. Hotel Le Maxime weist ausdrücklich darauf hin, dass es oben keine Absperrungen gibt. Wer Höhe scheut, bleibt besser auf dem Kanalweg unten. Der Blick von oben ins Yonne-Tal ist trotzdem der Grund, warum Tripadvisor-Rezensenten immer wieder von „spektakulären Aussichten“ schreiben.

Der Weg entlang des Canal du Nivernais unter den Wänden ist flach, gut für Fahrräder und Teil einer ausgedehnten Radroute entlang der Yonne. Die Felswand wirkt von unten noch größer als von oben. Im Mai, wenn das Laub noch kein vollständiges Dach bildet, ist der Kalk in der Frühsonne gut durchlichtet. Es riecht nach feuchtem Gras und Kanalwasser.

Oben auf dem Plateau sieht man das Tal in einer Breite, die man von unten nicht ahnt: Wiesen bis zur nächsten Flussbiegung, Pappelreihen, ein paar Hausdächer von Merry-sur-Yonne. Die Klippen halten den Wind ab, also bleibt die Kanaloberfläche bis in den Vormittag hinein glatt und spiegelnd.

Was der Ort nicht hat

Die Saussois sind kein Ziel, das mit Infrastruktur verwöhnt. In Merry-sur-Yonne gibt es laut Tripadvisor auf der gegenüberliegenden Kanalseite einen Proximarket und Restaurants. Ein vollständiges Hotelangebot direkt am Fels fehlt. Wer Kalkstein mit gutem Schlafkomfort verbinden will, findet im Naturpark Provence eine andere Lösung, aber auch andere Preise.

Wer komfortabel schlafen will, fährt nach Auxerre, rund 30 km nördlich. Das ist die ehrliche Einschränkung. Der Ort belohnt Eigeninitiative und straft Passivurlaub. Mit Fahrrad, Kletterausrüstung oder schlicht mit Neugier und einem Picknick am Kanalufer findet man hier etwas, das die Weinstraßen Burgunds nicht bieten.

Häufige Fragen zu den Rochers du Saussois

Wann ist die beste Reisezeit?

Petit Futé nennt März bis November als Klettersaison. Hotel Le Maxime empfiehlt ausdrücklich den Herbst für Stille und frische Luft. Im Mai sind die Wände in der Frühsonne gut durchlichtet, die Wege noch nicht überlaufen. Hochsommer bringt mehr Kletterer aus Paris an die Felsen.

Braucht man Kletterausrüstung für den Besuch?

Nein. Der Wanderweg auf das Plateau ist ohne Ausrüstung begehbar, der Kanalweg darunter ist flach und fahrradtauglich. Kletterer benötigen eigene Ausrüstung. Hotel Le Maxime warnt vor dem Fehlen von Absperrungen am Plateaurand. Geführte Kurse direkt vor Ort sind laut verfügbaren Quellen nicht standardmäßig angeboten.

Was kostet ein Tag an den Saussois?

Der Zugang ist kostenlos, Airial Travel und Tripadvisor bestätigen das. Wer in Auxerre übernachtet, rechnet mit ab 70 Euro pro Nacht für ein einfaches Hotel. Die Bahnfahrt von Paris Gare de Lyon nach Auxerre liegt je nach Buchungszeitpunkt zwischen 15 und 40 Euro einfach. Ein Picknick vom Proximarket in Merry-sur-Yonne kostet einen einstelligen Betrag.

Das Wasser des Canal du Nivernais spiegelt die Felswand am frühen Morgen fast vollständig, bevor der erste Schleppkahn die Oberfläche bricht. Der Kalk oben ist dann noch im Schatten. Unten riecht es nach feuchtem Gras und Kanalschlamm.